„Der Schreibende ist ein Pilger“




Elf Nachwuchsautoren haben Menschen im Ruhrgebiet beobachtet und daraufhin das Buch „Metropolenpilger“ heraus gebracht. Das Projekt ist eine Kooperation der katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ und der Edition 7 Sterne zur Kulturhauptstadt „Ruhr 2010“.

Ein Artikel für den epd. 

Vor dem Essener Hauptbahnhof ist es hektisch und laut, Menschen strömen rein und raus. Hier hat Leonie Viola Thöne gestanden und beobachtet. Die 20-Jährige hat einen breitkrempigen Hut auf, die gewellten Haare fallen ihr bis in die Kniekehlen. Mit wachen Augen und dem Notizbuch in der Hand war sie auf der Suche nach Menschen, die sie faszinieren, die ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Gefunden hat sie zum Beispiel einen jungen Mann, der unbeirrt einen fremden Hund streichelte. Diese Szene findet sich nun im Buch „Metropolenpilger“.

Neun Tage lang sind die Autoren durch das Ruhrgebiet „gepilgert“. Bei dieser Pilgerfahrt gab es keine staubigen Straßen, keine schmerzenden Füße, keine Wallfahrtskirchen. Statt Natur und Einsamkeit begegneten sie vielen Menschen, waren in dicht bebauten Städten unterwegs, haben Zechen besucht. Doch auch hier gab es Momente der Stille, erzählt Leonie Thöne, die aus Moers kommt: „An einem Tag sind wir schweigend gewandert und
haben viele Stätten des Ruhrgebiets besichtigt und es hat mich schon sehr nachdenklich gemacht. In sich zu gehen und zu schauen, was empfinde ich hier? Und wen kann ich hier sehen und was empfinden auch die anderen?“ Einen Zechenarbeiter, den sie dort getroffen hat, beschreibt sie als klugen, warmherzigen Menschen, der sie sehr beeindruckt habe. Das Pilgern sei für sie gewesen, sich die Zeit für die Begegnungen zu nehmen. Menschen zuzuhören und sie genau anzuschauen. „Und bei dieser Reise durch’s Ruhrgebiet habe ich auch vieles Neues entdeckt, obwohl ich ja hier her komme. Es hat sich mir auf eine ganz freundliche, liebevolle und positive Weise präsentiert.“

Der Initiator des Nachwuchsautoren-Projekts Dirk Brall betont, dass das Wesentliche bei dieser Pilgerschaft die Haltung eines Lebenspilgers gewesen sei: Das Vertraute hinter sich zu lassen, sich selbst fremd zu werden, und dann ganz bewusst und still zu beobachten und aufzunehmen. „Schreiben an sich hat ja dem Pilgern etwas sehr Nahes oder Verwandtes“, und dadurch sei ein Schreiber in seinen Augen immer auch ein Pilger. „Weil er sich auf unbekanntes Terrain einlässt – in seinem Fall ist es ein weißes Blatt oder ein leerer Monitor – und dabei auf eine Reise geht.“ Wenn möglich, dann schreibe er von sich weg und mache dabei neue Erfahrungen. Und es gibt Stationen, an denen sich etwas wandelt, beim Schreiben wie beim Wandern.

Das Projekt hat Dirk Brall gemeinsam mit Matthias Keidel von der Wolfsburg geleitet. Dieser ist vor allem begeistert davon, mit welchem Mut, mit wie viel Fleiß und welcher Neugier die elf jungen Autoren zwischen 17 und 25 sich regelrecht „in die Gespräche hineingeworfen“ haben. Einige der Jungschriftsteller kommen aus dem Ruhrgebiet, andere sind Studenten des Instituts für Literarisches Schreiben und Kulturjournalismus der Universität Hildesheim. Dadurch seien viele verschiedene Perspektiven auf die Kultur, Geschichte und Menschen des Ruhrgebiets entstanden.

Das genaue Beobachten der Autoren führte zu eindringlichen Schilderungen, die Figuren aus dem Ruhrgebiet kommen einem beim Lesen nahe. Die Geschichten sind fiktiv, doch die Figuren sind alle „leibhaftig und erfahrungsgetränkt“, sagt Keidel.

Der Leser begegnet Yusuf, dem Kioskbesitzer, der seine grauen Schläfen färbt, seitdem er eine junge Freundin hat. Er sieht die fünf Frauen sich mit prall gefüllten Tortenboxen in den Twingo quetschen. Und er lernt den Eismann kennen, der früher von Ort zu Ort gefahren ist – heute lohnt sich das nicht mehr. Aber auch bei wenig Kundschaft schenkt er zu jeder Kugel Eis ein Lächeln dazu.

„Eigentlich müsste man jetzt mit dem Buch in der Hand in die Städte gehen, wo die Geschichten spielen, und eine eigene Pilgerreise antreten“, meint Matthias Keidel. „Dann kriegen die Geschichten noch mal ’ne größere Wucht“, da der Schreibstil oft die Atmosphäre eines Ortes widerspiegelt.

Das Spirituelle an dem Großstadt-Pilgern ist für den Herausgeber Dirk Brall, dass sich die jungen Autoren auf eine Suche eingelassen haben, die über sie hinaus geht. Und dass sie dadurch frei wurden für ganz besondere zwischenmenschliche Begegnungen. Er hofft, dass das Buch wie ein Doppelpunkt wirke. Dass es dazu anregt, mit offenen und neugierigen Augen durch das eigene Leben, die eigene Stadt zu laufen: „In Erwartung, dass man Momente erlebt, die einen erheben, die einen aus dem Alltag herausziehen, aber die einen auch zum Nächsten bringen.“ Zum Beispiel zu dem Nachbarn, an dem man eigentlich immer vorbei läuft.