Hilfe für die Ärmsten – Der ehemalige Daimler-Ingenieur Peter Leukhardt aus Stuttgart setzt sich im Ruhestand für Roma in Belgrad ein

Diesen Text habe ich für den evangelischen Pressedienst (epd) geschrieben, abgedruckt wurde er von der Stuttgarter Zeitung.

Als Peter Leukhardt in eine der vielen Roma-Siedlungen in der serbischen Hauptstadt kommt, laufen die Kinder gleich auf ihn zu. „Dober Dan, Dober Dan!“ Ohne Berührungsängste begrüßt er sie herzlich, obwohl die Nasen laufen, manche Gesichter sehr ungewaschen aussehen, die Kleider eine Wäsche gut gebrauchen könnten. „Wart ihr heute schon in der Schule?“ fragt der schlanke Mann mit dem weißen Haar. „Nein? Warum nicht? Ihr müsst in die Schule gehen!“

Peter Leukhardt ist überzeugt, dass die Schulbildung das Wichtigste für diese Kinder ist. 90% schaffen die acht Jahre „Grundschule“ nicht und brechen vorher ab. Von den eigenen Eltern bekommen sie nur wenig Unterstützung, da die meisten von ihnen Analphabeten sind und ihre Kinder nicht ermutigen, die Schule zu besuchen. Diese Rolle übernimmt Peter Leukhardt, der als ehrenamtlicher Vetreter des Stuttgarter Hilfswerks „Hilfe für Brüder“ in Belgrad arbeitet, gemeinsam mit den Mitarbeitern der serbischen Organisation „Brot des Lebens“.

Durch enge Gassen führt der Weg zu einem Häuschen, in dem Ivana den Kindern Nachhilfe Unterricht gibt. „Wir wollen als Christen Liebe weiter geben und denken, so können wir das am besten“, sagt die freundliche Lehrerin. Im lauten Gewusel widmet sie sich den Schulkindern und hilft ihnen mit den Aufgaben.

In anderen Strässchen der Siedlung lungern einige Jugendliche in den Hütten herum, andere helfen beim Müllsammeln oder –trennen, dem Haupterwerb der Roma in Belgrad. Wenn die Kinder aber die Schule besuchen und einen Abschluss machen, dann schaffen sie es vielleicht auch eine Ausbildung zu machen und den Armutskreislauf zu durchbrechen. Und ein Leben jenseits der engen und schmutzigen Siedlungen zu führen.

In dieser Siedlung am Stadtrand von Belgrad leben 5000 Menschen. Sie ist wild gebaut, verästelt und eng, ohne Genehmigungen und auf keinem Stadtplan zu finden, aber sie gehört zu den besseren Siedlungen, denn immerhin gibt es gemauerte Häuser. Doch manche Hütten sind so kaputt, dass es rein regnet oder wegen fehlender Fenster und Türen einfach zu kalt ist. In vielen gibt es auch kein Badezimmer, kein fließend Wasser, keine Toilette. Peter Leukhardt organisiert deshalb in Zusammenarbeit mit einer christlichen Gemeinde, die sich in der Siedlung gegründet hat, Baueinsätze für Roma-Familien. Im Sommer kamen Helfer aus Deutschland, um vier „Häuser“ zu renovieren oder zu erweitern.

In Belgrad gibt es 160 Roma Siedlungen, davon sind 60 so genannte Kartonsiedlungen, das heißt, sie bestehen aus Pappe und Wellblech und haben fast gar keine gemauerten Häuser. In diesen Siedlungen ist die Armut noch größer, es sind Slums, eigentlich wie eine bewohnte Müllhalde. Auch in einer dieser Siedlungen gab es im Sommer ein Bauprojekt. Ein etwa 15 qm großer Raum ist jetzt das Zuhause für eine Familie. Wohnzimmer, Schlafzimmer und Küche in einem. „Die hatten vorher nur drei auf drei Meter und lebten hier mit drei Familien!“ erzählt Peter Leukhardt. „Da haben wir erst den Boden gegossen, eine ordentliche Betonplatte, dann Wände gemauert, ein gutes Dach drauf gebaut, sodass es einen ordentlichen Raum gibt.“ Wichtig sei bei den Bauprojekten, dass die Roma auch mit anpacken, auch selbst etwas tun für ihr erneuertes Zuhause.

Man merkt schnell: Peter Leukhardt ist ein Anpacker. Er will dort helfen, wo Menschen es am allernötigsten haben. Deshalb hat er sich gemeinsam mit seiner Frau Edeltraud entschieden, im Ruhestand hier ehrenamtlich zu arbeiten. Anfang der 70er Jahre ist Leukhardt mit Frau und Kindern als Mercedes-Ingenieur für sieben Jahre in das damalige Jugoslawien gezogen, um den Bau eines LKW-Werks zu betreuen. Ein weiterer Einsatz folgte 1989 für drei Jahre. 2007 kam er gemeinsam mit seiner Frau als Entwicklungshelfer mit „Christliche Fachkräfte International“ nach Serbien zurück und hat ein Programm für Gewaltprävention und Konfliktbewältigung für Schulen mit entwickelt. Seit einem Jahr arbeiten Leukhardts nun mit „Hilfe für Brüder“ ehrenamtlich in Serbien. Vor Ort arbeiten sie unter anderem mit „Brot des Lebens“ zusammen. Neben dem Schul- und Bauprojekt in den Roma-Siedlungen kümmern sie sich auch um arme alte Menschen in Belgrad, betreuen Vertriebene und Flüchtlinge, beschäftigen ehemalige Drogenabhängige in Second-Hand-Läden oder helfen im Winter mit Brennholz aus. Viele Menschen hier sind so arm, dass sie sich das nicht leisten können. Vor einem Jahr haben Leukhardts in Stuttgart Geld dafür gesammelt, und als das Brennholz dann ankam mussten manche Empfänger vor Freude weinen.