„Dem Sarg einfach nachgewunken“

Auch dies ein Beitrag für den epd, abgedruckt unter anderem vom Evangelischen Gemeindeblatt in Württemberg.

Menschen mit Behinderung können trauern und brauchen die Trauer. Ein bundesweit einmaliges Projekt im württembergischen Mariaberg hilft ihnen dabei – Mitarbeiter von Einrichtungen werden sensibilisiert.

Gammertingen-Mariaberg  »Lange Zeit wurden Menschen mit Behinderung von Trauerprozessen ausgegrenzt«, sagt der Pfarrer Hans Heppenheimer. »Aber sie brauchen die Trauer, und sie können auch trauern, selbst wenn sie nicht sprechen können.« Aus dieser Überzeugung leitet er seit zweieinhalb Jahren das Projekt »Entwicklung einer Trauerkultur in einer Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung am Beispiel Mariaberg«, das von der Robert-Bosch-Stiftung gefördert wird. In dieser Zeit hat er sich intensiv damit auseinandergesetzt, welchen Stellenwert die Trauer in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung hat und wie sie einen neuen Platz bekommen kann.

»Früher wurden behinderte Menschen oft noch nicht einmal zur Beerdigung geholt, wenn ein Angehöriger gestorben war. Weil man sich geschämt hat oder weil man dachte, das versteht der sowieso nicht«, erinnert sich Heppenheimer. Und auch in Heimen sei ein Sterbefall oftmals etwas gewesen, das den Betrieb störte und möglichst rasch »erledigt« werden sollte. »Doch wenn diese Menschen nicht trauern dürfen, dann werden sie verhaltensauffällig!«

In der Einrichtung Mariaberg im Landkreis Sigmaringen leben rund 500 Menschen mit Behinderung. Jedes Jahr sterben dort etwa zehn Heimbewohner. Im Rahmen des Trauerkultur-Projekts habe sich im Umgang damit viel verändert. »Neulich zum Beispiel, als jemand aus einer Wohngruppe gestorben ist, da gingen seine Mitbewohner mit dem Sarg zum Leichenwagen, um ihn zu verabschieden. Und eine Frau, die nicht sprechen kann, hat dem Sarg nachgewunken. In dieser Geste, da liegt doch alles drin«, sagt Heppenheimer. Früher wäre der Verstorbene abgeholt worden, während seine Wohngruppe beim Essen sitzt. Als sei nichts passiert.

Die Mitarbeiter haben in ihrer Ausbildung nicht gelernt, dass Trauern zur Arbeit mit behinderten Menschen gehört. Deshalb gebe es Nachholbedarf. Die Erfahrungen, die Mitarbeiter und Angehörige inzwischen mit dem Thema Trauer machen, bestätigen den evangelischen Pfarrer in seinem Ansatz. »Behinderte können nicht nur trauern, sie sind sogar besonders gut darin«, ist er überzeugt, »denn sie sind emotional begabt«.
Wenn die Trauer zugelassen werde, könne sich die Persönlichkeit weiter entwickeln. So bat ein Bewohner kürzlich seine Mutter um den Hausschlüssel der elterlichen Wohnung in Stuttgart, nachdem der Vater gestorben war, und fing dann an, völlig überraschend im Haushalt und am Auto Aufgaben zu übernehmen, die früher der Vater erledigt hatte. Dabei hatte seine Mutter gedacht, er könne noch nicht einmal mit einem Schlüssel etwas anfangen.

Um der Trauer Raum zu geben, gibt es jetzt in Mariaberg »Jahreszeitenfeiern«, bei denen die vergangene Jahreszeit verabschiedet und die neue begrüßt wird. »Denn die Natur macht uns ja etwas vor, wir können von ihr lernen«, erläutert Heppenheimer. Dieser Zugang sei für die Bewohner nachvollziehbar. Das Laub, das im Herbst von den Bäumen fällt. Der Schneemann, der wieder schmilzt. Kleine Abschiede. Auch das Singen könne hilfreich sein, in gemeinsamen Liedern sei Raum für Gefühle, die schwer auszusprechen sind. Und auch das bewusste Erleben des Kirchenjahres mit dem Karfreitag und dem Totensonntag sei ein Beitrag dazu, Trauer zuzulassen.

Am vergangenen Samstag kamen Mitarbeiter verschiedener Einrichtungen für Menschen mit Behinderung zu einem Fachtag nach Mariaberg. Egal ob die Caritas, die Diakonie oder die Lebenshilfe der Träger ist, das Thema ist für sie alle von Bedeutung. In ganz Deutschland stößt das Projekt »Trauerkultur« auf Interesse, da es einzigartig ist. Es geht um die Entwicklung neuer Formen in der Trauerarbeit, und es geht vor allem um die Sensibilisierung der Mitarbeiter.

Bei einem solchen Fachtag lernen sie auch den Umgang mit der eigenen Lebenstrauer. Das gilt als eine wichtige Voraussetzung für die Trauerarbeit mit Behinderten. »Fast jeder von uns hat noch Trauer in sich, die er nicht zugelassen hat«, sagt Pfarrer Heppenheimer. Weil keine Zeit war, oder weil man »stark« sein wollte.

Dass Menschen mit Behinderung besonders gut trauern können, zeigt Anna. Sie ist über 70 Jahre alt und lebt schon ihr ganzes Leben in Mariaberg. Als sie von ihrer besten Freundin Lotte erzählt, die gestorben ist, weint sie und sagt, dass sie jetzt jeden Tag an ihr Grab geht und Lotte und all den anderen Liedern singt. Im nächsten Moment schon kann sie wieder strahlen und erzählen, wie schön es mit Lotte war.

2 Gedanken zu „„Dem Sarg einfach nachgewunken“

  1. Pingback: Doro Adrian | wortlautleise

  2. Pingback: Aus Trauer wird Liebe. | wortlautleise

Kommentare sind geschlossen.