Begegnung mit Ruth Epting

Da sitzt sie, auf der Bank vor dem Missionshaus. Ich begrüsse sie, «Hallo, Frau Epting!» Sie schaut erstaunt, ich sage: «Wir kennen uns, ich arbeite bei der Mission, in der Öffentlichkeitsarbeit, ich habe Sie mal interviewt, Dorothee Adrian.» «Achso… ja wissen Sie, ich sitze hier und verschnaufe, ich bin eigentlich auf dem Weg zum Arzt, aber ich habe einige Störungen, weshalb es mir schwer fällt und ich Pause machen muss.» Ruth Epting, eine der Großen in der Missionsgeschichte, unsere Sitzungen sind in der «Ruth Epting-Stube», hier sitzt sie und ich sehe: sie braucht Hilfe. Die ich ihr anbiete. «Aber ich kann Sie doch nicht von Ihrer Arbeit abhalten…», «Doch, ich hole meine Jacke und begleite Sie zum Arzt, ist kein Problem!» «Wirklich…?» und dann gehen wir langsam den Weg zum Tropeninstitut, und sie fragt nochmals nach, wer ich sei, und wo ich arbeite, «Achso! Die Nachrichten! Ja, die lese ich ja auch immer.» Fragt, wie ich die Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag der Basler Mission fand und erzählt, dass es für sie schon sehr besonders gewesen sei, da sie die Hälfte der Zeit selbst miterlebt habe, schliesslich sei sie Jahrgang 1919. «Ich bin ja im Missionshaus geboren und aufgewachsen», erzählt sie, «als Tochter des Direktors». Beim steilen Aufstieg neben dem Kinderhaus erinnert sie sich: «Wie ich hier im Winter mit dem Schlitten runterfuhr!»

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Ruth Epting bei der Feier anlässlich ihres 90. Geburtstags im Jahr 2009. Foto: Mission 21

Sie ist so dankbar, dass ich ihr den Arm reiche, «so geht es doch deutlich besser!» Sie fragt nach, wo ich wohne, wie meine familiäre Situation ist. «Ich bewundere euch heutige Frauen! Wie ihr das alles so macht.» – «Meinen Sie, mit Beruf und Familie?» – «Ja, genau.» – «Also mich würde das auffressen, nur zuhause zu sein», sage ich. – «Das kann ich gut verstehen.»

Sie lädt mich ein zu sich ins Adullam, wo sie nun wohnt, gegenüber dem Missionshaus, im fünften Stock, Zimmer 505, ich könne doch mal mit meinen Kindern vorbeischauen. «Es ist wirklich ein Wunder, dass ich Sie getroffen habe. Danke für Ihr Verständnis!»

Als wir bei Dr. Blum sind, sind wir wohl beide erleichtert, angekommen zu sein und der Arzt erstaunt, dass sie den Weg zu Fuß wagte.

Und in diesem Moment, in dem ich diese Zeilen schreibe, schaue ich aus meinem Bürofenster, damit ich den Namen des Altersheims richtig schreibe. Da verschwindet Ruth Epting mit ihrem Gehstock gerade durch die automatische Schiebetür.

Zwei oder drei Wochen später besuche ich sie im Adullam. Sie sitzt dort in ihrem Stuhl, die Bibel aufgeschlagen, darüber das Bibellese-Heft. Sie hat Schmerzen, «aber lesen, das kann ich noch!» sagt sie. Mein Sohn bekommt «Guetsli», und ich soll mal auf die Terrasse, den wunderbaren Ausblick auf das Missionshaus sehen. «Als ich letzten Herbst hier ankam und diese Aussicht sah, da war ich tief berührt», sagt sie. «Da schliesst sich ein Kreis», sage ich. «Ja, da schliesst sich ein Kreis», sagt Ruth Epting.

Etwa drei Wochen nach unserem Besuch stirbt sie.